Haus des Geldes – Spanische Netflix-Serie für Heist-Movie Fans

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Originaltitel: La casa de papel | Jahr: 2017 | Staffel 1: 13 Folgen, Staffel 2: 9 Folgen | FSK: 12

Gestatten, mein Name ist Fabri, Señor Pina …

und ich schaue Ihre Netflix-Serie Haus des Geldes.
Vorab: Ich liebe Heist-Movies sehr. Es gibt kein schöneres Genre (und ja, wir könnten uns darüber streiten, ob Heist oder Caper nicht eigentlich nur ein Subgenre des Kriminalfilms ist). Ich mag dieses Gefühl von Aufbruch und Veränderung, das bei diesen Filmen transportiert wird. Das Leben selbst in die Hand nehmen und zum Besseren drehen. Ein Haufen gescheiterter Existenzen, meist skurrile Charaktere, aber Experten in einem Bereich, scharren sich um den superschlauen Kopf der Bande und versuchen gemeinsam das Undenkbare. Vom Einzelkämpfer werden sie zu einem Team. Es geht immer um die Superlative, für einen einfachen Bankraub braucht es keine Spezialisten.

Genauso mag ich das Verwischen der Grenzen. Wer ist böse und wer gut? Dürfen wir mit den Protagonisten mitfiebern, obwohl sie doch eigentlich Böses tun? Sie sind uns sympathisch. Noch bis 1967 durften die Protagonisten mit dem Raub, dem Coup nicht davon kommen. Verbrechen durfte sich nicht auszahlen, der Hays Code regelte das. Und so starben entweder die Protagonisten oder sie wurden verhaften, und wenn sie doch davon kamen, dann verloren sie wenigstens die Beute. Die Botschaft: Verbrechen zahlt sich nicht aus. Die Angst vor Nachahmung war damals groß.

Und so funktioniert die erste Staffel Ihrer Serie, Señor Pina auch nach den Regeln eines klassischen Heist-Movies: Der zukünftige Kopf der Bande, ein sehr intelligenter Mann, der sich passenderweise der Professor nennt, sucht sich acht Spezialisten, um einen Raubüberfall durchzuführen. Ziel ist die Banknotendruckerei Spaniens die sie besetzen wollen, um dort Unmengen an Geld zu drucken. Der Plot ist gut.
Die acht Ganoven nennen sich nach Städte (und es erinnert an Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123 oder Reservoir Dogs wo die Personen nach Farben heißen) und heißen Tokio, Berlin, Rio, Helsinki, Oslo, Moskau, Denver und Nairobi. Die Atmosphäre erinnert zunächst an Inside Man. Vielleicht durch die Masken und die Overalls etc. Das Haus des Geldes ist allerdings viel ruhiger erzählt.
Die Protagonisten wachsen einem schnell ans Herz und sie erfüllen die gängigen Klischees, die die Spezialisierungsbereiche mit sich bringen: die toughe Tokio (die mich sehr an Milla Jovovich in Resident Evil erinnert), der nur mäßig intelligente Denver, der in einer Szene seinen Vater (der als Moskau den väterlichen und besonnenen Part einbringt) so herrlich naiv fragt: „kennst Du dieses Syndrom Stockholm?“, die Zwillinge Oslo und Helsinki, die wenig reden, aber als Schläger vor nichts zurückschrecken. Und dennoch Señor Pina, man mag dieses Gemisch an Menschen.
Heist-Movies würden nicht funktionieren, wenn nicht eine Bank oder ein schmieriger Ganove das Ziel des Angriffs wäre, nur deshalb können wir uns auch erlauben die Protagonisten sympathisch zu finden und mit ihnen mitzufiebern. Wäre die nette ältere Dame von nebenan das Opfer, würde es nicht funktionieren. Und so gehen auch Ihre Protagonisten, Señor Pina, gegen das System vor. Der Underdog, betrogen vom Leben nimmt sich, was ihm zusteht. Passend dazu wird als Hymne der Bande das Lied Bella Ciao auserkoren.
Als Gegenpart fungiert die Inspectora Raquel Murillo die auch ihr privates Päckchen zu tragen hat (demenzkranke Mutter, Sorgerechtsstreit).
Die erste Staffel kann man wirklich gut anschauen, die Idee und die Umsetzung ist zwar nicht vollkommen neu und atemberaubend, aber die Staffel ist unterhaltsam und spannend.

In der zweiten Staffel ändert sich dann etwas die Richtung, das klassische Heist-Movie beruht im wesentliche auf drei Bestandteile: Vorbereitung, Durchführung, Ausgang. Und in der zweiten Staffel sind wir nun bei der Durchführung stecken geblieben. Es geht nicht weiter. Um dies zu überbrücken, bauen Sie, Señor Pina nun die Elemente des Geiseldramas aus. Sehr geschickt!
Es wird weniger aus der Sicht der Geiseln erzählt, sondern aus der Sicht der Geiselnehmern, die abgeschottet von der Außenwelt sind und sich einfach an den Plan halten sollen. Als der Professor sich bei drei (von vier) Kontrollanrufen nicht meldet, reagieren alle Bandenmitglieder unterschiedlich. Und die typischen Fragen und Herausforderungen, die immer dann auftauchen, wenn Gruppen zusammenwirken, werden ausgehandelt.
Währenddessen lassen Sie, Señor Pina, den Professor immerzu wiederholen, dass bei dem Coup vor allem auf Zeit gespielt wird. Zeit gewinnen ist das Credo. Die Polizei hinhalten. Nur leider geht es mir als Zuschauer auch so. Ich habe das Gefühl, Señor Pina, dass Sie auch mit uns Zuschauern auf Zeit spielen, uns hinhalten. In den ersten drei Folgen kommt die Handlung einfach nicht voran und man braucht schon etwas Geduld und guten Willen, um nicht einfach abzuschalten. Ist das Konzept? Soll hier der Inhalt durch die Form transportiert werden? Das wäre wirklich genial, Señor Pina! Die Erzähltechnik angepasst an die Handlung. Den Zuschauer hinhalten, so wie die Polizei hingehalten wird. Aber darauf müsste der Zuschauer erst einmal kommen und ich bin nicht sicher, ob Sie das wirklich so gewollt haben …

Nichtsdestotrotz, ich werde die Serie weiter schauen und vielleicht nimmt sie ja in den nächsten Folgen etwas an Fahrt auf. Ich würde mich jedenfalls darüber freuen.
In diesem Sinne, vielen Dank bis hierher, Señor Pina!


Die in diesem Artikel verwendeten Bilder sind Screenshots aus der Serie Haus des Geldes.

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